«In der Forschung braucht man verrückte Projekte.»

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Die dossiersichere ehemalige Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) liess selten eine Gelegenheit aus, sich vor Ort zu begeben. Zwischen der Einweihung des NeighborHub in Freiburg 2018 und einem Besuch auf dem Campus Dorigny für das «Forum des 100» zum Thema Mobilität empfing Doris Leuthard das EPFL Magazine, um über Verkehr, Energie und Kommunikation als zentrale Forschungsgebiete der EPFL zu diskutieren.

Was hat Ihnen beim Besuch des NeighborHub gefallen?

Das Projekt hat mich fasziniert. Man hatte es mir nach dem «berühmten» Sieg in Denver vorgestellt, und ich hatte die Ehre, es dem deutschen Bundespräsidenten bei seinem Besuch in der Schweiz zu präsentieren. Einerseits zeigt es, dass Komplexität mithilfe eines fächerübergreifenden Ansatzes in sehr konkreten Bereichen bewältigt werden kann, und dieser fächerübergreifende Ansatz ist ein Trumpf, den die Schweiz ausspielen kann. Spezialisten verschiedener Fachbereiche haben erfolgreich auf so unterschiedlichen Gebieten wie Energie, Design, Ökologie, Mobilität und sogar Ernährung zusammengearbeitet. Andererseits zeigt das Projekt den Mehrwert einer Zusammenarbeit zwischen EPFL, Universität Freiburg und Fachhochschulen. Jeder hat seine Erfahrung eingebracht und so zum Erfolg des Projekts beigetragen.

Inwiefern hilft diese Art von Projekten Ihrer Meinung nach, die Ihren Departementen unterstellten Bereiche voranzubringen?

Jedes Fach verfügt nicht nur über ein anderes Wissen, sondern auch über unterschiedliche Methodiken. Mit einer solchen Zusammenarbeit können folglich die Diskussionen, die die Experten eines Fachgebiets normalerweise unter sich führen, erheblich bereichert werden. Ausserdem wollen wir konkrete Ergebnisse, und der NeighborHub ist eines. Wir können es auf den Markt bringen und es in unsere Gesellschaft integrieren.» Genau solche Initiativen tragen dazu bei, dass sich etwas bewegt.

Welche Botschaft möchten Sie an diese Generation von Studierenden weitergeben?

Sie müssen sich engagieren, um diese Bereiche voranzutreiben! Die Firma Easypark hat einen «Smart Cities Index» erstellt, der unterschiedliche Kriterien wie Mobilität, Nachhaltigkeit, Energie, Lebensqualität und digitale Infrastruktur berücksichtigt. Zürich ist dabei auf dem vierten Platz, und Genf befindet sich an neunter Stelle. Gemäss dieser Rangliste sind wir also nicht die besten. Sie zeigt uns, was wir in der Schweiz in den Bereichen, die die jungen Menschen von heute interessieren, noch verbessern können.

«Sie sind unsere Perlen! Sie leisten eine sehr hochwertige Arbeit sowohl für die Wirtschaft als auch für die Ausstrahlung der Schweiz. Lausanne und Zürich gehören zu den besten Universitäten Europas. Sie sind Triebkräfte der Innovation und stehen an der Spitze der neusten Entwicklungen.»

Inwieweit ist die Forschung an den Hochschulen wichtig für die Politik?

Sie sind unsere Perlen! Sie leisten eine sehr hochwertige Arbeit sowohl für die Wirtschaft als auch für die Ausstrahlung der Schweiz. Lausanne und Zürich gehören zu den besten Universitäten Europas. Sie sind Triebkräfte der Innovation und stehen an der Spitze der neusten Entwicklungen. Für uns ist es sehr wichtig, zu schauen und zu hören, was bei Ihnen passiert, und zu erfahren, welche Projekte von internationaler Tragweite dort entwickelt werden. Projekte wie der NeighborHub brauchen eine grosse Sichtbarkeit. Sie enthalten Innovationen, die man uns zeigen und bei den KMU sowie in der Gesellschaft allgemein fördern muss. Die Kontakte mit den Hochschulen sind für uns eine Inspirationsquelle und ein Hinweis auf die einzuschlagende Richtung – auch in Sachen Finanzierung.

Verkehr, vor allem Luftverkehr, und Umwelt vertragen sich schlecht. Dennoch reisen wir immer mehr. Strasse, Schiene, Flugzeug? Wo sehen Sie die Prioritäten und wie können wir auf diese Bedürfnisse reagieren?

Es ist sehr gefährlich, bei den Verkehrsträgern Prioritäten festzulegen. Wir sind multimodal und werden es noch mehr werden. Unsere Strategie besteht daher darin, die Investitionsmöglichkeiten bei den verschiedenen Verkehrsträgern und Infrastrukturen gemäss den ökologischen Auswirkungen, dem Energieverbrauch und der Anzahl der transportierten Personen zu definieren. Beim Massentransport und insbesondere im Fernverkehr ist natürlich die Bahn im Vorteil. Das billige, schnelle und einfache Flugzeug ist sehr beliebt, wenn man die Schweiz verlassen will. Dort können wir aber nicht viel mehr tun als uns die Frage nach den Preisen zu stellen: Sind sie korrekt oder vom Markt abgekoppelt? Ausserdem stellt sich die Problematik der CO2-Emissionen und des Status von Kerosin im Vergleich zu Benzin.

Bei der Elektromobilität hat die Schweiz beispielsweise im Vergleich zu Norwegen Rückstand. Mit welchen Massnahmen könnte sie gefördert werden?

Auf europäischer Ebene steht die Schweiz gut da. Norwegen ist gewiss das Land, das am besten abschneidet, jedoch auch stark auf Subventionen setzt. Das wollen wir nicht. Die Schweizer Autoimporteure haben sich ein konsequentes Ziel von 10% Elektrofahrzeugen bis 2020 gesteckt (zurzeit 0,4% des Fahrzeugparks, Anm. d. Red.). Natürlich kann man mehr tun, aber viel hängt von drei wesentlichen Faktoren ab: Reichweite der Fahrzeuge, Preise – die langsam mit denen klassischer Autos vergleichbar werden – und Ladeinfrastruktur. Diese ist im Entstehen begriffen, hängt aber von Kantonen, Gemeinden und Unternehmen ab. Auf den Autobahnen, die im Eigentum des Bundes sind, fördert das Bundesamt für Strassen die Einrichtung von Ladestationen auf den Rastplätzen.

Im Übrigen sind Elektrofahrzeuge zurzeit mit Ausnahme der Vignette von Gebühren und Steuern befreit. Trotzdem benutzen auch sie die Infrastruktur, und es ist nur logisch, dass ihre Eigentümer mittelfristig auch zu den Unterhaltskosten beitragen. Über den Zeitpunkt der Einführung einer Gebühr kann man natürlich diskutieren.

Wie sehen Sie die autonomen Fahrzeuge? Denken Sie, dass sie die Verkehrsprobleme lösen und insbesondere Staus vermeiden können?

Ich weiss nicht, ob sie Teil der Lösung sind, aber die Technologie kommt auf jeden Fall mit grossen Schritten voran. Diese Fahrzeuge brauchen aber die Infrastruktur, weshalb sie unsere Planung nicht verändern und wir nicht um Investitionen herumkommen. Interessant wird die Situation an dem Tag sein, an dem alle Fahrzeuge autonom sind. Solange ein Mix vorhanden ist, bringt dies nichts in Sachen Geschwindigkeit, Sicherheit oder Verkehrsfluss – ganz zu schweigen von den rechtlichen und ethischen Fragen, die beantwortet werden müssen.

«Die eidgenössischen technischen Hochschulen haben enorm viel Arbeit geleistet, um uns in den Bereichen Energieeffizienz, erneuerbare Energien und wirtschaftliche Analysen zu unterstützen. Als Politiker ist man angesichts der technischen Lösungen überfragt, und ich konnte mich auf dieses Netzwerk stützen.»

Diesen Sommer nehmen EPFL-Studierende am Hyperloop-Wettbewerb teil. Glauben Sie an diese Technologie?

Für mich gehört dies zur Kategorie der visionären Projekte wie Solar Impulse. Es handelt sich um etwas verrückte, zu Beginn sogar unrealistische Vorhaben. Dennoch müssen wir unsere Perspektive erweitern. Sie ermöglichen die Lancierung vieler anderer, kleinerer Projekte und die Suche nach Lösungen. In der Forschung an der EPFL braucht man eine Vision und ein wenig Verrücktheit. Wenn man nur Projekte verfolgt, deren Ergebnis man kennt, liegt man falsch. Wir müssen weiter gehen und uns das Undenkbare vorstellen. In der Politik ist das schwieriger. Dort muss man pragmatisch vorgehen.

Wie steht es mit Cargo sous terrain?

Wir unterstützen dieses Projekt seit dem Beginn. Es besteht gewiss ein Interesse daran, den Güterverkehr auf den Nationalstrassen zu verringern, umso mehr wenn die Finanzierung aus dem Privatsektor kommt. Das Konzept scheint mir zu tragbaren Kosten realisierbar zu sein. Die Entscheidung liegt nun bei den Investoren, die das Projekt dem Bundesrat unterbreiten müssen, denn es braucht ein Spezialgesetz, um es eines Tages umsetzen zu können.

Die Nuklearenergie, wie wir sie heute kennen, gehört der Vergangenheit an. In der Schweiz sind aber noch fünf Kernkraftwerke in Betrieb, die rückgebaut werden müssen. Ist Nuklearphysiker kein Zukunftsberuf?

Physiker, Ingenieure und Nuklearspezialisten sind absolut notwendig, und die mangelnde Attraktivität dieses Berufs ist besorgniserregend. Wenn wir berücksichtigen, dass ein Kernkraftwerk 50 Jahre lang betrieben werden kann und der Rückbau zehn Jahre dauert, sind wir im Fall von Leibstadt im Jahr 2045. Das ist selbst für einen jungen Menschen von heute eine lange Karriere. Ausserdem geht es nicht nur um den Rückbau, sondern auch um die Forschung. Wir engagieren uns weiter für das Fusionsprojekt ITER, denn man kann nie wissen, ob wir vielleicht in zehn Jahren einen entscheidenden Durchbruch erleben werden – ganz zu schweigen von den Anwendungen im Gesundheitsbereich.

Sie konnten beim Einsatz für Ihre Dossiers viele politische Erfolge feiern. Welcher hat Sie am meisten begeistert?

Wahrscheinlich die Energiestrategie 2050. Es war eine schwierige Zeit nach dem Unfall von Fukushima. Was tun? Was ist machbar? Soll ich es wagen? Die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, den Kantonen, den Städten sowie der EPFL und der ETH Zürich, um diese Fragen zu beantworten, war spannend. Die eidgenössischen technischen Hochschulen haben enorm viel Arbeit geleistet, um uns in den Bereichen Energieeffizienz, erneuerbare Energien und wirtschaftliche Analysen zu unterstützen. Als Politiker ist man angesichts der technischen Lösungen überfragt, und ich konnte mich auf dieses Netzwerk stützen. Diese Hilfe war von grundlegender Bedeutung. Ich konnte vorwärts machen, indem ich mir sagte: Wenn mir die Experten bestätigen, dass es technisch machbar ist, wage ich es. Danach kam die politische Arbeit: die politischen Parteien, das Parlament und schliesslich das Schweizer Volk zu überzeugen.

Es gibt auch ein Leben nach dem Bundesrat. Denken Sie daran? Was haben Sie vor?

Ich habe viele Interessen und Projekte. Nach meinem Ausscheiden aus dem Bundesrat werde ich jedoch als Erstes Ferien machen. Ich habe meinem Mann versprochen, eine lange Reise zu machen und mir die Schönheiten dieses Planeten genauer anzusehen.

Kurzbiografie

1963 – Geburt im Kanton Aargau

1991 – Anwaltspatent

2006 – Wahl zur Bundesrätin

2010 und 2017 – Bundespräsidentin

2017 – Annahme der Energiestrategie 2050 in der Volksabstimmung

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