Intelligente Verkehrssysteme müssen gelenkt werden

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Matthias Finger
Verkehr

Zwei EPFL-Forscher zeigen in einem von ihnen herausgegebenen Buch, dass eine Lenkung notwendig ist, um das Potenzial der neuen Mobilitätssysteme zu nutzen und zu regulieren. Unsere Mobilität ist mittlerweile geteilt, automatisiert, elektrisch und integriert.

Früher sprach man von Verkehrsmitteln, heute von Verkehrssystemen. Diese sind intelligent und basieren auf dem Prinzip des Teilens, der Automatisierung, der Elektrifizierung und der integrierten Mobilität. Prof. Matthias Finger und Doktorand Maxime Audouin vom EPFL-Lehrstuhl für das Management von Netzwerkindustrien (MIR) haben sich in einem Buch* mit den neuen Formen der Verkehrslenkung befasst, die notwendig ist, um diese Entwicklung bestmöglich zu nutzen. Maxime Audouin erklärt die Hauptschwierigkeiten.

Warum sollte man sich für die Lenkung der Verkehrssysteme interessieren?

Diese Systeme werden heute weitgehend vom Individualverkehr beherrscht. Diese Vormachtstellung ist jedoch kontraproduktiv geworden. Die zumeist völlig verstopften Städte zeigen, dass die urbanen Verkehrssysteme nicht richtig funktionieren. Dank der Informations- und Kommunikationstechnologien sind jedoch heute neue Verkehrslösungen verfügbar. Sie basieren stärker auf der Nutzung als auf dem Besitz, ebnen den Weg für eine Erneuerung der Verkehrssysteme und bieten die Möglichkeit, einen Übergang zu einem potenziell nachhaltigeren System nach dem Autozeitalter einzuleiten. Mit der geteilten, automatisierten, elektrischen und integrierten Mobilität entwickelt sich die Mobilitätsindustrie entlang von vier grossen Brüchen.

Warum braucht es eine Lenkung?

Heute werden neue Mobilitätslösungen sehr oft vom Privatsektor mit einem wirtschaftlichen Ziel vorangetrieben. So hat beispielsweise Uber ein Interesse daran, so viele Kunden wie möglich zu transportieren, was zu mehr Autos auf den Strassen und folglich zu mehr Staus führen könnte. Auf die gleiche Weise versuchen die Autohersteller, mehr elektrische und wenn möglich autonome Fahrzeuge zu verkaufen, aber wenn nichts unternommen wird, dass diese Autos von mehreren Personen genutzt werden, sind die Auswirkungen auf die Verkehrssysteme möglicherweise inexistent oder gar negativ. Daher müssen wir unbedingt darauf achten, wie diese Aktivitäten reguliert werden können, damit sie auch dem Gemeinwohl dienen. Das Buch bietet Lösungsansätze, um das Potenzial dieser Lösungen zu maximieren.

Lösungen wie Sharing-Plattformen nach dem Beispiel von Uber

Ja, aber die Behörden reagieren nicht immer angemessen auf diese neuen Plattformen. Viele versuchen, die für herkömmliche Verkehrsträger entwickelten Vorschriften auf sie anzuwenden. Andere wiederum beschliessen, sie zu ignorieren oder zu verbieten. Diese neuen, sehr disruptiven Marktakteure werden jedoch immer ein Mittel finden, um Verbote zu umgehen, weshalb man ihnen besser eine Nasenlänge voraus ist, indem man sie ins bestehende System integriert.

«Viele Länder wollen die Ersten sein, auf deren Strassen fahrerlose Autos unterwegs sind. Paradoxerweise sind jedoch weniger Menschen bereit, ein autonomes Fahrzeug zu benutzen, als man denkt.»

 

Wie vorgehen?

Je länger man mit der Integration wartet, desto komplizierter wird es. Dies bedeutet allerdings nicht, dass alles dereguliert werden muss und Innovationen als Lösungen für alle unsere Verkehrsprobleme betrachtet werden können. Sie bieten eine Chance, um die aktuelle Lage zu verbessern. Dank der Digitalisierung können beispiellose Mengen an Daten über die Tätigkeit dieser neuen Akteure gewonnen werden. Nutzen wir diese, um Vorschriften zu erlassen, die ihre Integration in die bestehenden Verkehrssysteme fördern. Im Übrigen ist es zentral wichtig, dass die Behörden genaue mittel- und langfristige quantitative Ziele bei der Emissions- und Verkehrsreduktion festlegen. Intelligente Verkehrslösungen können zur Erreichung dieser Ziele beitragen, sofern überhaupt Ziele festgelegt wurden.

Ein weiterer Pfeiler der neuen Mobilitätssysteme ist die Autonomisierung der Fahrzeuge. Wie reagieren die Behörden?

Viele denken noch nicht daran, die gesellschaftspolitischen Akteure in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Wie kann man das künftige Verhalten der Menschen in den autonomen Fahrzeugen gesetzlich regeln, wenn man sie nicht an den Diskussionen beteiligt? Viele Länder wollen die Ersten sein, auf deren Strassen fahrerlose Autos unterwegs sind. Paradoxerweise sind jedoch weniger Menschen bereit, ein autonomes Fahrzeug zu benutzen, als man denkt. Neben den Fragen rund um die Sicherheit müssen ausserdem zwingend Vorschriften erarbeitet werden, die die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen fördern. Wenn morgen alle klassischen Autos durch autonome Fahrzeuge ersetzt würden, die weder gemeinsam genutzt werden noch elektrisch sind, wäre die Wirkung auf die Leistungsfähigkeit der Verkehrssysteme vernachlässigbar oder sogar negativ.

*The Governance of Smart Transportation Systems, Matthias Finger und Maxime Audouin (editors), Springer, September 2018.

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