Warum der öffentliche Raum in europäischen Städten immer einheitlicher wird

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Die Gestaltung des öffentlichen Raums in Europa wird immer origineller, aber auch zunehmend einheitlich. Die Autorin einer an der EPFL geschriebenen Doktorarbeit in Architektur entschlüsselt dieses Paradox und ruft Kritiker sowie Behörden auf, sich um dieses Problem zu kümmern.

Seit fast 20 Jahren bemühen sich die Gestalter des öffentlichen Raums überall in Europa, den Passanten ein einzigartiges Erlebnis zu bieten. Mithilfe zahlreicher Materialien, Formen, interaktiver Möblierung und sensorischen Effekten werden Plätze, Strassen und Promenaden zu eigentlichen Touristenattraktionen der jeweiligen Stadt. Das Problem? Statt dass sie versuchen würden, sich in den bestehenden urbanen Kontext einzugliedern, neigen die öffentlichen Räume des 21. Jahrhunderts dazu, sich resolut davon zu distanzieren, aber vor allem sich zu gleichen.

Dies ist die Feststellung von Sonia Curnier in ihrer an dem von Bruno Marchand geleiteten EPFL-Labor für Theorie und Geschichte (LTH2) verfassten Doktorarbeit. Die akademische Forschung hat sich bisher sehr für die Nutzung der öffentlichen Räume interessiert, indem sie beispielsweise beobachtet, ob sie bei den Passanten auf Akzeptanz stossen, jedoch nur sehr wenig für ihre Gestaltung. Darin liegt die Neuheit dieser Doktorarbeit, die erstmals einen Gesamtüberblick über diese Frage bietet. Dafür untersuchte Sonia Curnier zahlreiche gedruckte und online verfügbare Architekturzeitschriften, Verzeichnisse und Referenzkataloge und analysierte die prägendsten europäischen Projekte für öffentliche Räume der letzten 15 Jahre. Bei 14 von ihnen begab sie sich vor Ort, traf die Gestalter und konsultierte die Projektarchive.

Ihre Feststellung ist eindeutig: «Durch die zunehmend individuelle Gestaltung befreien die Gestalter die öffentlichen Räume von ihrem Kontext und machen sie zu Gegenständen, die von einer Stadt auf eine andere übertragen werden können. Statt dass sie auf ihr Umfeld eingehen, entsprechen diese Räume folglich eher universellen Anliegen und Referenzen und reagieren schliesslich nur auf sich selber», stellt die Architektin fest. Gemäss der Forscherin hat dies zweierlei Auswirkungen: Einerseits wird das Netzwerk an öffentlichen Räumen fragmentiert, da jeder Raum jetzt als eigene Einheit wahrgenommen wird, und andererseits zirkulieren die gleichen städtischen Gestaltungsideen in den Architekturzeitschriften und werden so gerne von einer Stadt in die andere übernommen. Schliesslich ähneln sich die öffentlichen Räume gemäss einem Prinzip der europäischen oder gar weltweiten Vereinheitlichung.

Neuer Auftrag

Wie konnte es so weit kommen? Bei den von ihr geführten Gesprächen stellte die Forscherin fest, wie wichtig den aktuellen Gestaltern – Architekten, Städteplanern und Landschaftsarchitekten – die Anregung der Fantasie und der Sinne der Passanten ist, indem sie Farben, Düfte und optische Effekte kombinieren. Dabei geht es weniger darum, einen funktionalen Raum als einen einzigartigen und doch kollektiven Aufenthalts- und Erlebnisort zu schaffen: Ein Springbrunnen ist folglich keine Wasserstelle mehr, sondern ein Spielplatz für Kinder, und eine Bank dient nicht mehr nur dazu, sich zu setzen, sondern auch sich hinzulegen. Dieser Wunsch, Erlebnisse zu bieten, spricht universelle Prinzipien der Wahrnehmung an – nämlich diejenigen des menschlichen Körpers – die folglich von einem Kontext auf einen anderen übertragen werden.

«St. Gallen, Glasgow, Kopenhagen und Berlin haben beispielsweise einen Teil des Bodens mit roter Farbe bedeckt, um ihren öffentlichen Räumen einen besonderen Status zurückzugeben. Diese ursprünglich für eine Differenzierung konzipierten Orte gleichen sich jedoch mittlerweile.»

Die neuen öffentlichen Räume haben oft auch den Auftrag, Orte ohne grossen architektonischen Anspruch neu zu beleben, während man bisher versucht hat, emblematische Orte zu gestalten. Dieses Bedürfnis treibe gewisse Städte dazu, manchmal extravagante Projekte zu verfolgen, meint die Forscherin. St. Gallen, Glasgow, Kopenhagen und Berlin haben beispielsweise einen Teil des Bodens mit roter Farbe bedeckt, um ihren öffentlichen Räumen einen besonderen Status zurückzugeben. Diese ursprünglich für eine Differenzierung konzipierten Orte gleichen sich jedoch mittlerweile.

Starke narrative Dimension

Die Forscherin wies auch darauf hin, wie wichtig es den Gestaltern ist, eine Geschichte zu erzählen. Ihre Umsetzungen entfernen sich folglich immer mehr vom bebauten Umfeld und setzen auf historische, kulturelle und symbolische Referenzen. Diese replizieren sie unbewusst in anderen Städten, aber mit einem anderen Diskurs. So steht beispielsweise ein mit leuchtenden Pflastersteinen verzierter Boden in Genf für die alte Abgrenzung zum Genfersee, während in Kopenhagen ein Sternenhimmel an das Observatorium erinnern soll, das einst an jener Stelle stand. Der visuelle Effekt ist jedoch ähnlich.

Die Architektin beobachtete auch eine systematische Diskrepanz zwischen dem ursprünglichen konzeptuellen Diskurs und der Projektrealität. «Mir ist klar, dass sich ein Projekt zwischen Konzept und Umsetzung verändern kann. Die Gestalter müssten dann aber ihren endgültigen Diskurs anpassen. Nach der Einweihung übernehmen die kritischen Zeitschriften ausserdem den ursprünglichen Diskurs der Gestalter munter, ohne auf die Diskrepanzen zur Realität hinzuweisen», betont die Forscherin. Sonia Curnier stellte ausserdem eine sorglose Manipulation der Referenzen durch die Gestalter fest. Diese neigen dazu, in einem städtischen Raum symbolisch einen Wald, einen Fluss oder Sanddünen, also universell erkennbare Umfelder, reproduzieren zu wollen. Diese Referenzen führen zu karikaturenhaften formellen Motiven (Linien am Boden, künstliche Bäume etc.) und fördern somit die Vereinheitlichung des öffentlichen Raums. Diese haben den Nachteil, für die Passanten oft nicht verständlich zu sein.

 

 

Behörden und Kritiker: Fehlanzeige

Sonia Curnier kritisiert zwar nicht die aktuelle Kreativität, ist jedoch der Auffassung, dass diese besser kanalisiert werden sollte. Deshalb ruft die Architektin die Behörden auf, sich mehr mit diesen Fragen zu befassen und bei Projekten, die uns nur Sand in die Augen streuen wollen, misstrauisch zu sein. «Die Gemeinden haben ihre Verantwortung abgegeben. So entsteht ein Flickenteppich ohne langfristige Gesamtstrategie», sagt sie. Gleichzeitig sollten die Zeitschriften für Architektur und Landschaftsgestaltung einen kritischeren Blick auf die in Europa verwirklichten Projekte für öffentliche Räume werfen, meint die Forscherin, die betont, dass viele berühmte und unbekannte Architekten und Landschaftsarchitekten dieses Fehlen von Kritik bedauern.

Zwar könne der Trend zur allgemeinen Individualisierung und Vereinheitlichung besser gesteuert werden, aber bestimmte, diesen Räumen gemeinsame Elemente zeugten einfach von unserer Zeit. «Die öffentlichen Räume dienten schon immer dazu, ein Ideal widerzuspiegeln: Monarchie, demokratische Revolution, Freizeitgesellschaft etc. Wir leben heute in einer globalisierten Gesellschaft, einer Gesellschaft der Erzählung und des Images. Einer Gesellschaft, die die einzigartige und unmittelbare Erfahrung in den Vordergrund stellt. Folglich sehen auch unsere öffentlichen Räume so aus.»

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