Seit zehn Jahren empfängt der Euler-Kurs Hochbegabte im Fach Mathematik

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Der in der Schweiz einzigartige Lehrgang will den Wissensdurst der Schülerinnen und Schüler stillen, die besondere Fähigkeiten auf dem Gebiet der Mathematik besitzen. Er zählt über 100 Studierende und feierte 2018 sein zehnjähriges Bestehen.

Jeden Mittwoch treffen sich Kinder und Jugendliche aus der ganzen Westschweiz auf dem EPFL-Campus und brüten über mathematischen Problemen. Sie sind 10 bis 18 Jahre alt und so begeistert von diesem Fach, dass sie sich lieber Vorführungen ansehen und Formeln büffeln, statt einen freien Nachmittag zu geniessen. Die Mathematikprofis besuchen den Euler-Kurs. Dieser Lehrgang, der den Wissensdurst von hochbegabten Schülerinnen und Schülern stillen soll, feierte im November sein zehnjähriges Bestehen.

«Einen solchen Kurs zu geben ist der Traum jedes Mathematikprofessors. Die Schülerinnen und Schüler kommen, weil es sie interessiert, und sie sind glücklich, hier zu sein», sagt Jérôme Scherer, Lehr- und Forschungsbeauftragter an der EPFL sowie administrativer Leiter des Euler-Kurses. Er verantwortet den Lehrgang zusammen mit der EPFL-Professorin Kathryn Hess Bellwald. Die Topologin, deren Büro mit der Büste des Schweizer Mathematikers Leonhard Euler geschmückt ist, hat das Projekt ins Leben gerufen.

«Patrick Aebischer konsultierte mich, um dieses Vorhaben auf die Beine zu stellen, weil ich in den USA von einem ähnlichen, von meinen Eltern geschaffenen Angebot profitiert hatte», erklärt die Mathematikerin, die ihr Doktorat am MIT mit 21 Jahren abschloss. «Es war ein grosser Aufwand, aber schliesslich hatten wir beim ersten Wettbewerb 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Einen solchen Erfolg hatten wir nicht erwartet.» Die Teilnahme am Euler-Kurs muss man sich verdienen: Zwar können sich alle Kinder von 10 bis 13 Jahren für den Einstiegswettbewerb anmelden, der 2018 rund 350 Bewerberinnen und Bewerber zählte, aber pro Jahr werden nur rund 30 ausgewählt. «Wir wollen das mathematische Intuitionsniveau der Schülerinnen und Schüler herausfinden», erklärt Kathryn Hess Bellwald.

«Es ist angenehm, wenn man in jungen Jahren eine Materie beherrscht. Es hat mir in der Schule bei allen naturwissenschaftlichen Fächern geholfen und Selbstvertrauen gegeben, weil ich etwas Schwieriges schaffen konnte.»

Selbstreflexion und Selbstvertrauen

Renaud Rivier, zurzeit Doktorand in Mathematik an der Universität Genf, gehört zu den rund 20 im Herbst 2008 für die erste Klasse des Euler-Kurses ausgewählten Kandidaten. Er war damals zehn Jahre alt, hatte keinerlei Mühe in der Schule und sah «keine grossen Nachteile» darin, sein Glück zu versuchen. Er absolvierte den gesamten, auf sechs Jahre verteilten Lehrgang. In den ersten drei Jahren ging es um Mathematik der Sekundarstufe (vom neunten Schuljahr nach Harmos bis zur Matura), in den drei folgenden um Mathematikgebiete der Universitätsstufe. «Es ist angenehm, wenn man in jungen Jahren eine Materie beherrscht. Es hat mir in der Schule bei allen naturwissenschaftlichen Fächern geholfen und Selbstvertrauen gegeben, weil ich etwas Schwieriges schaffen konnte.»

Der doppelt so schnell wie in der Schule voranschreitende Euler-Kurs verlangt viel Engagement von den Schülerinnen und Schülern. «Sie freuen sich alle, hier zu sein und sich anzustrengen», betont die pädagogische Betreuerin Michèle Honsberger. Sie hat den Auftrag, auf das Wohlergehen der Schülerinnen und Schüler zu achten, insbesondere indem sie mit jedem einmal pro Jahr ein individuelles Gespräch führt.

Der Euler-Kurs zählt zurzeit rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in sechs Klassen aus allen gesellschaftlichen Schichten. «Mir war es wirklich wichtig, dass der Kurs für alle zugänglich ist, weshalb die Schulgebühr nur 100 Franken pro Jahr beträgt», erklärt Kathryn Hess Bellwald. Der Kurs wird von der EPFL und privaten Partnern finanziert. Jeder Schüler, der dieses aussergewöhnliche Programm absolviert, ist von den obligatorischen Mathematikkursen dispensiert. «Ich mochte das Fach Mathematik in der Schule, langweilte mich aber und gab mir keine grosse Mühe», erklärt die 16-jährige Cassandre Renaud aus dem vierten Jahr des Lehrgangs. «Der Euler-Kurs hat mir beigebracht, methodisch zu arbeiten, und mir ermöglicht, Menschen zu treffen, die mich verstehen. In der Schule galt ich als abgehobene Intellektuelle. Hier entspreche ich der Norm.»

Der 17-jährige Yannis Ulrich aus dem sechsten Jahr des Euler-Kurses schätzt ebenfalls die Atmosphäre und den Austausch mit den anderen Schülerinnen und Schülern, aber auch die Möglichkeit, «den Dingen auf den Grund zu gehen». Dadurch kann er seinen Wissensdurst stillen. Er nutzte übrigens das im Euler-Kurs erworbene Wissen, um im Rahmen seiner Maturaarbeit einen Roboter zu bauen, und will später an der EPFL Physik studieren. «Die Hälfte der Kursabsolventinnen und ‑absolventen studiert später Mathematik, die andere Hälfte entscheidet sich für andere wissenschaftliche Bereiche. Auch wenn sie einen anderen Weg einschlagen oder aufhören, haben sie nützliche Erfahrungen gesammelt», sagt Jérôme Scherer. Shirley Ye studiert in Lausanne Medizin im fünften Jahr und hat nach ihrem Lehrgang einen anderen Weg gewählt. Die im Euler-Kurs erworbenen Kompetenzen nützen ihr aber immer noch. «Ich denke anders nach. In der Schule war mir langweilig. Wenn ich im Euler-Kurs die Übungen schaffte, war das eine kleine Herausforderung, die mir beigebracht hat, selber weiter nachzudenken, bevor ich um Hilfe bat. Wenn man die Lösung eines Problems selber findet, behält man sie auch besser im Gedächtnis.»

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