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Computergestützte Musikanalyse jenseits des traditionellen Kanons

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Digital Humanities

Forscherinnen und Forscher haben dank Datenwissenschaften und Statistiktechniken den hauptsächlich instrumentalen brasilianischen Musikstil Choro charakterisiert.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des von Martin Rohrmeier geleiteten Digital and Cognitive Musicology Lab (DCML) an der EPFL haben eine Studie veröffentlicht, die die wichtigsten stilistischen Merkmale von 300 Choro-Musikstücken identifiziert hat. Daraus ergibt sich eine beispiellose empirische Analyse der Harmonien und Form dieses im 19. Jahrhundert in Brasilien entstandenen und heute noch beliebten Musikgenres. Obwohl «Choro» auf Portugiesisch «Weinen» oder «Wehklagen» bedeutet, ist der Musikstil fröhlich. Im Laufe der Jahre hat er sich mit anderen Genres wie dem Jazz gemischt.

Die ursprüngliche Idee zu dieser Studie hatte Willian Fernandes Souza, ein Kollege am DCML der Universität Rio de Janeiro, der selbst Musiker und Choro-Experte ist. Er brachte sein diesbezügliches Wissen in die Studie ein, während der Hauptautor und forschende Postdoktorand Fabian C. Moss am Collège des Humanités seine Erfahrung im Bereich Korpusforschung und Datenwissenschaft nutzte.

Fabian Moss ist auch Hauptautor eines ähnlichen Artikels von 2019 zu Beethovens Streichquartetten. Er betont jedoch, dass diese neue Forschung die Gelegenheit bietet, Musik ausserhalb des traditionellen Kanons, mit dem sich die Musikwissenschaft normalerweise befasst, zu analysieren.

«Solche Studien bestätigen oft Vorurteile, die fester Bestandteil unseres Bereichs sind, insbesondere «männliche, weisse und verstorbene» Komponisten sowie musikalische Meister und Genies.»

«Einige haben den Artikel über Beethoven kritisiert. Es sei schon genug über diesen Komponisten geschrieben worden. Diese Kritik ist berechtigt, denn solche Studien bestätigen oft Vorurteile, die fester Bestandteil unseres Bereichs sind, insbesondere «männliche, weisse und verstorbene» Komponisten sowie musikalische Meister und Genies», räumt der Forscher ein.

Die Daten über den Choro sind nicht Teil des zentralen musikalischen Kanons der traditionell untersuchten Komponisten, und wir sind der Meinung, dass es sehr wichtig ist, mehr über marginale und wenig erforschte Genres zu erfahren, um zu verstehen, was Musik insgesamt ist.»

Einzigartige und wandlungsfähige harmonische Motive

Die Forscherinnen und Forscher haben rund 300 Choro-Partituren vom ausgehenden 19. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert Akkord für Akkord in ein maschinenlesbares Format umgeschrieben, das dann für eine algorithmische Analyse verwendet werden konnte. So entdeckten sie beispielsweise, dass sich die Akkord- und Tonartmotive der Choro-Stücke stark von anderen Musikrichtungen unterscheiden, die wie die klassische Musik bereits früher quantitativ analysiert worden waren.

«Die Harmonieregeln dieses Stils sind ganz anders: lokal bei den Akkorden und global bei den Tonarten», erklärt Fabian Moss. In der klassischen Musik sind diese beiden Harmonieebenen stärker aufeinander abgestimmt.

Die Gründe für diesen Unterschied übersteigen den Rahmen der Studie, aber der Forscher weist darauf hin, dass sie diese Frage in Zukunft gerne untersuchen würden. Er geht davon aus, dass es einen Zusammenhang mit der Improvisation und der für den Choro typischen Zusammenarbeit im Gegensatz zur klassischen Musik geben könnte.

Des Weiteren stellten die Forscherinnen und Forscher fest, dass sich auch die Akkorde in den letzten 150 Jahren verändert haben. Während früher drei oder vier Noten gleichzeitig gespielt wurden, um einen Akkord zu bilden, wurden vor allem nach den 1950er-Jahren viel häufiger erweiterte Akkorde mit fünf oder sechs Noten benutzt.

«Diese interessante Schlussfolgerung ist völlig neu. Wir denken, dass dies auf den Einfluss des Jazz auf den Choro zurückzuführen ist, aber wir müssten vertieftere Untersuchungen anstellen, um diese Hypothese zu bestätigen», erklärt Fabian Moss.

Genauerer musikwissenschaftlicher Ansatz

Der Forscher hofft, dass diese Arbeit den Weg für andere Untersuchungen ebnet, und erinnert daran, dass die gesamten Daten anderen Forscherinnen und Forschern kostenlos online zur Verfügung stehen.

Seiner Meinung nach sind solche quantitativen empirischen Musikstudien wichtig, weil sie effizienter als manuelle Studien sind und weil sie zum Fortschritt in der Musikwissenschaft beitragen können.

«Wenn Sie den Text einer traditionellen musikalischen Analyse nehmen, stellen Sie fest, dass Konzepte wie die Tonarten nur vage oder gar nicht definiert werden. Mit dem computergestützten Ansatz müssen sich die Forscherinnen und Forscher genau zu ihren Methoden äussern, und wenn man gezwungen ist, die Dinge zu quantifizieren, sieht man klarer, was man untersucht.»

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