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COVID-19: Blickwinkel der Innovations- ökonomen

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Die Innovationsökonomen am College für Technologiemanagement haben einen Bericht zur COVID-19-Krise veröffentlicht. Dieser befasst sich mit Fragen wie: Warum investiert die Gesellschaft so wenig in die Impfforschung? Welche Rolle spielen Patente in dieser Krise? Wie können wir die kurzfristige politische (Über-)Reaktion bewerten, indem wir ebenso viel Geld in diesen Bereich investieren? Und was sind die Lehren für die Zukunft?

Das Dokument präsentiert den Blick von Innovationsökonomen auf die aktuelle Pandemie. Er ist für die breite Öffentlichkeit bestimmt und konzentriert sich auf Fragen im Zusammenhang mit dem Ökosystem von Wissenschaft, Technologie und Innovation (STI). Es geht nicht darum, neue Forschungsergebnisse vorzustellen, sondern vielmehr die aktuellen Entwicklungen auf der Grundlage eines ökonomischen Ansatzes der bestehenden wirtschaftlichen Forschung zu interpretieren.

Im ersten Teil des Berichts werden die tiefer liegenden Ursachen der allgemein zu geringen Investitionen in Forschung und Entwicklung mit besonderem Schwerpunkt auf den Impfstoffen erklärt. Zu diesen Ursachen zählen eine ungenügende Nachfrage nach Impfstoffen in normalen Zeiten und das eigentliche Wesen von Forschung und Entwicklung. Die Regierungen können zwar intervenieren, um diese Probleme zu entschärfen, aber staatliches Eingreifen ist mit einer Reihe von eigenen Schwierigkeiten verbunden. Im Bericht werden drei Probleme genannt: das «Freeriding» (Trittbrettfahrereffekt), die Festlegung der Forschungsprioritäten und die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Massnahmen.

Investitionen, Zusammenarbeit und Patente

Der zweite Teil beschäftigt sich mit den zurzeit im Bereich STI-Politik ergriffenen Massnahmen. Erstens ist eine erhebliche Umverteilung der Mittel zugunsten der Erforschung von SARS-CoV-2 zu beobachten. Besteht nicht die Gefahr, dass diese massive und plötzliche Veränderung zu einer ineffizienten Nutzung der Finanzmittel führt? Die Autorinnen und Autoren postulieren anhand des Konzepts der «Elastizität der Wissenschaft», dass zusätzliche Mittel bei Weitem keine Geldverschwendung sind.

Eine zweite wichtige Feststellung zur aktuellen Situation betrifft die beispiellose Zusammenarbeit zwischen Forscherinnen und Forschern. Diese Kooperation geht gleichzeitig mit einem verstärkten Wettbewerb einher, um als Erster Behandlungslösungen und Impfstoffe zu entwickeln. Die Verfasserinnen und Verfasser des Berichts versuchen, diesem scheinbaren Gegensatz einen Sinn abzugewinnen, indem sie betonen, wie die Kombination aus gemeinsam wirkenden und miteinander im Wettbewerb stehenden Kräften die wissenschaftliche Forschung beflügeln kann.

In einem dritten Schritt untersuchen sie ein in diesem Zusammenhang besonders interessantes Hilfsmittel: die Patente. Sie erörtern die Rolle dieses innovationspolitischen Instruments und evaluieren seine potenziell schädlichen Auswirkungen auf die Suche nach einem Ausweg aus der aktuellen Gesundheitskrise. Ferner zeigen sie Möglichkeiten auf, wie Patente auch positiv wirken können. Sie können die Forschung beschleunigen (z. B. durch Patent-Pools) oder für einen besseren Zugang zu Innovationen sorgen (z. B. über Zwangslizenzen).

Schliesslich merken die Autorinnen und Autoren an, dass sich das gesamte STI-Umfeld schnell auf SARS-CoV-2 eingestellt hat. Dies erinnert an die unter dem Titel «Mission-oriented Research» (MOR) durchgeführten Forschungs- und Entwicklungsprogramme wie das Manhattan-Projekt in der 1940er-Jahren. Sie bewerten die Ähnlichkeiten und betonen die grundlegenden Unterschiede zwischen der MOR und der aktuellen Lage. Die heutige Situation ist durch eine breite Palette von innovativen Lösungen geprägt, die von einem komplexen Gebilde aus Institutionen und Akteuren mit grosser intellektueller Freiheit und dezentralisiertem Wettbewerb angeboten werden, was bei der MOR nicht der Fall war.

Langfristige Auswirkungen

Im dritten Teil des Berichts werden bestimmte, potenziell langfristige Auswirkungen der COVID-19-Pandemie evaluiert. Als Erstes werden die Folgen für die Investitionen in Forschung und Entwicklung erörtert. Die Autorinnen und Autoren erklären, wie die Innovationstätigkeit durch eine anhaltende wirtschaftliche Abkühlung beeinträchtigt werden könnte, und betonen die entscheidende Rolle von Wiederankurbelungsplänen zur Bekämpfung der Rezession.

Sie sprechen auch den Einfluss der Krise auf die Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) an und machen geltend, dass sie enorm beschleunigend auf die Einführung dieser Technologien gewirkt hat. Anschliessend wird der Schwerpunkt auf die sauberen Technologien als weitere grosse gesellschaftliche Herausforderung gelegt, deren Bedeutung trotz der Pandemie ungebrochen ist. Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass die Investitionen in saubere Technologien unter der Wirtschafts- und Gesundheitskrise leiden könnten. Diese bietet jedoch auch grosse Chancen, um den Übergang zu einer grüneren Wirtschaft zu beschleunigen.

Schliesslich konzentrieren sich die Autorinnen und Autoren auf die offene Wissenschaft und insbesondere den freien Zugang und die offenen Datenbanken. Die aktuelle Krise könnte die Einführung von «FAIR Data» (Findability, Accessibility, Interoperability and Reusability) vorantreiben.

«Diese Krise bietet eine einzigartige Chance für die Anpassung aller Regeln, die unsere Gesellschaft prägen.»

Epidemieprävention

Der letzte Teil des Berichts enthält einige abschliessende Überlegungen. Die politische Reaktion im Bereich STI darf sich nicht auf den dringenden Bedarf an «technologischen Lösungen» beschränken. Ein zweiter Lösungsweg setzt den Erwerb neuen Wissens voraus, um Epidemien zu verhindern oder ihre Auswirkungen abzufedern.

Ausserdem erinnert uns die aktuelle Krise daran, dass alle Bereiche der Wissenschaft wichtig sind. Die Pandemie besitzt zahlreiche Facetten, und eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Fachgebieten kann zu ihrer Bewältigung beitragen.

Zum Schluss blicken die Verfasserinnen und Verfasser in die Zukunft und argumentieren, dass die grösste Auswirkung der Pandemie ausserhalb des öffentlichen Gesundheitswesens oder der Wissenschaft liegen könnte. Diese Krise bietet eine einzigartige Chance für die Anpassung aller Regeln, die unsere Gesellschaft prägen.

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