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Herausforderungen des Fernunterrichts in Chancen verwandeln

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Ab dem Frühling 2020 mussten die Lehrkräfte der EPFL den Fernunterricht in ihren Alltag einbauen. Dies war mit grossen Herausforderungen verbunden, führte aber auch zu effizienten Arbeitsweisen und mehr Zusammenarbeit, wie der nachfolgende Überblick zeigt.

Vor dem Computer unterrichten, und der einzige Zuschauer ist eine Spiegelung im Bildschirm: Diese Situation erlebten die Lehrkräfte der EPFL während des Lockdowns im Frühling 2020, und seit Ende Oktober und dem Wechsel zum kompletten Fernunterricht ist es wieder die Norm.

«Unterrichten ist mehr als nur Wissensvermittlung. Die zwischenmenschlichen Kontakte spielen eine wichtige Rolle, gehen aber beim Fernunterricht zu einem grossen Teil verloren. Wenn Sie auf Zoom in einen Bildschirm sprechen und viele Studierende ihre Kamera ausgeschaltet haben, wissen Sie nicht, ob sie den Erklärungen folgen können, sodass ein anderer Weg für Rückmeldungen gesucht werden muss», sagt Andreas Osterwalder, Lehr- und Forschungsbeauftragter für Chemie und Chemieingenieurwesen sowie Mitglied der Lehrerinnen- und Lehrerkonferenz (CCE). Auch für die Studierenden ist der eingeschränkte Austausch ein Problem. «Auf Zoom ist es schwierig, sich zu melden, ohne jemand anderem ins Wort zu fallen. Es läuft nicht fliessend, und man hat keine Lust, sich zu beteiligen», erklärt Léandre Pitre-Tarpin, Klassensprecher der Abteilung Bauingenieurwesen und Mitglied von AGEPolytique. «Und beim Online-Unterricht klinkt man sich auch leicht aus und wechselt das Fenster.»

Grösste Herausforderungen

Eine Untersuchung des Centre LEARN über die Anpassung der Lehrkräfte während des Lockdowns bestätigt, dass das Fehlen von Interaktion und Rückmeldungen die grösste Herausforderung beim Unterrichten darstellt. Die Umfrage wurde zwischen April und Mitte Mai 2020 durchgeführt und basiert auf rund zehn Gesprächen mit Lehrkräften von Universitäten.

«Online und ohne Kontakt mit den Studierenden kann man nicht erkennen, wenn etwas nicht verstanden wird», sagt Roland Tormey, Leiter des Centre d’appui à l’enseignement an der EPFL (CAPE). «Um Rückmeldungen zu erhalten, können Clickers, kleine Umfragen und Fragerunden genutzt werden. Ausserdem empfehlen wir häufigere Lernkontrollen, zum Beispiel in Form von ‹Midterms›, weil man online den motivationsfördernden sozialen Aspekt verliert.»

Bei der im November 2020 durchgeführten AGEPoly-Erhebung gaben 68 % der Bachelor-und Master-Studierenden (ohne Propädeutikum) an, bei ihren Kursen in Rückstand geraten zu sein. «Die aufgezeichneten Vorlesungsvideos schaut man eher, wenn man gerade Zeit hat oder am Ende des Semesters kurz vor den Prüfungen, wenn es keine Zwischenprüfungen gibt», betont Léandre Pitre-Tarpin. «Wenn man dem Unterricht von zu Hause aus folgt, hat man den Eindruck, ständig zu lernen, sodass es schwierig ist, eine Routine mit Arbeits- und Freizeit aufrechtzuerhalten. Auch das gesellschaftliche Leben und die Campus-Atmosphäre fehlen, und man hat das Gefühl, das Semester dauere ewig.» Die AGEPoly-Umfrage zeigt, dass die Motivation bei 73 % der Studierenden gesunken ist.

Gegenseitige Hilfe und Live-Kurse

Wie kann die Motivation und das Engagement der Studierenden aufrechterhalten werden? Das CAPE hat seit dem Frühling dreimal mehr Workshops als üblich durchgeführt. Dabei geht es um interaktives Online-Unterrichten, die Erstellung von Videos und Ratschläge für den «umgedrehten Unterricht». Bei diesem Format lernen die Studierenden die Theorie zu Hause, und die Zeit mit der Lehrkraft ist den Übungen und Fragen vorbehalten. «Damit können wir für mehr Kontakte zwischen den Lehrkräften sorgen. Das ist von grossem Vorteil, denn sie müssen ihre Erfahrungen und Best Practices austauschen können», sagt Roland Tormey.

Samuel Dubuis unterrichtet Analysis im Rahmen des Kurses für spezielle Mathematik (CMS) und tauscht sich regelmässig mit seinen Kolleginnen und Kollegen der Abteilung Mathematik aus. Im Frühling wurde er innerhalb weniger Tage zu einem «Zoom-Profi» und erstellte beispielsweise ein kleines Benutzerhandbuch für seine Kolleginnen und Kollegen. «Ich habe viele positive Rückmeldungen erhalten, und das Handbuch wurde sogar ausserhalb meiner Abteilung benutzt. Die Situation hat die Solidarität unter den Lehrkräften gesteigert, und wir müssen zusammenhalten.»

Beim Unterrichten merkte er nach der Bereitstellung aufgezeichneter Videos im Frühling, dass die Studierenden Live-Kurse vorziehen. Bei dem Kurs, den er gemeinsam mit zwei Kollegen gibt, erstellt der eine dynamische Slides, der andere ergänzende Lektürenotizen, und er selber unterrichtet per Tablet. «Ich mache das ganz ähnlich wie an der Wandtafel. Am Ende des Semesters werden wir Bilanz ziehen. Wir wollen, dass der Online-Kurs attraktiv bleibt. Wir haben uns an die Technologien gewöhnt, aber das Bedürfnis, einander zu treffen, ist nach wie vor präsent. Ausserdem habe ich diesen Beruf wegen der zwischenmenschlichen Kontakte gewählt.»

Austausch mit den Studierenden

Francesco Mondada, akademischer Leiter des LEARN und Professor für Biorobotik, stellt fest, wie wichtig die Aufrechterhaltung einer Routine und häufiger Kontakte zu den Studierenden ist. «Während des Lockdowns habe ich meinen Kurs aufgezeichnet, aber eine Live-Einleitung um 8:15 Uhr beibehalten, damit die Studierenden aufstehen mussten und im Rhythmus blieben. Für die praktischen Arbeiten, bei denen die Studierenden in Zweiergruppen einen Roboter bauten, habe ich Zusammenarbeitstools für die Programmierung eingeführt. Die Projektpräsentation galt als Prüfung und lief sehr gut ab. In diesem Semester gebe ich einen Kurs, der bereits vorher teilweise nach dem Prinzip des «umgedrehten Unterrichts» erteilt wurde, sodass die Anpassung einfacher war. Ich habe regelmässig mit den Studierenden gesprochen, die mir anonym über Moodle Rückmeldung geben können. So habe ich beispielsweise festgestellt, dass das System der Break-up Rooms auf Zoom (der Lehrer teilt die Studierenden in Kleingruppen ein und kann von einer zur anderen schalten), von dem ich anfänglich nicht überzeugt war, geschätzt wurde.»

Förderung der Gruppenarbeit

Drei Wochen nach Semesterbeginn führte Francesco Mondada u.a. eine Umfrage bei den Studierenden seines Kurses Basics of Mobile Robotics durch. Bei den Übungen zeigte sich, dass die Studierenden, die nicht in Gruppen arbeiten, online viel weniger motiviert sind.

Die im November von der Vereinigung AGEPoly durchgeführte Erhebung bestätigt im Übrigen, wie wichtig die Gruppenarbeit für die Studierenden ist – vor allem im ersten Jahr. Dennoch gaben fast 40 % an, niemanden zum Zusammenarbeiten gefunden zu haben. Deshalb hat AGEPoly mit Unterstützung der Hochschule u. a. ein Mentoring-Programm für alle Studierenden des ersten Jahres ins Leben gerufen. Damit wollte man verhindern, dass «Studierende abgehängt werden, und die Erfolgschancen erhöhen». «Die Technologie fördert die Einsamkeit, und es ist beispielsweise schwierig, die Atmosphäre einer Übungssitzung nachzubilden,» sagt Samuel Dubuis.

«Wir dürfen die positiven Aspekte dieser Zeit, die beispielsweise die Vorteile des umgekehrten Unterrichts aufgezeigt hat, nicht vergessen.»

Für die Übungssitzungen hat sich Francesco Mondada ein von den Studierenden sehr geschätztes System einfallen lassen: Er erstellte ein Google-Formular, in das die Studierenden ihre Frage zusammengefasst eintippen und angeben können, wie sie kontaktiert werden möchten, und die Assistentinnen und Assistenten beantworten die Anfragen fortlaufend. Ausserdem stellte er je einen «Discord»-Server für die Studierenden und die Assistentinnen und Assistenten bereit. Nachdem der Robotikprofessor von mehreren Lehrkräften, denen die Studierenden von diesen Lösungen erzählt hatten, kontaktiert worden war, erstellte er ein kleines Handbuch und ein Video, das erklärt, wie diese Instrumente einzurichten und zu verwenden sind.

Hybride Zukunft

In diesem aussergewöhnlichen Jahr, das die Arbeit der Lehrkräfte grundlegend verändert hat, sind nach Meinung von Pierre Dillenbourg, Professor und Spezialist für Bildungstechnologien sowie assoziierter Vizepräsident für Lehre, die Grundlagen für den hybriden Unterricht entstanden. «Die Lehrkräfte mussten sich abrupt mit der digitalen Welt befassen. Wir haben festgestellt, dass ein reiner Online-Unterricht ermüdend und stressig ist, den Studierenden aber auch Flexibilität bietet. Kurse, die wie zu Beginn des Semesters für einen Teil der Studierenden als Präsenzunterricht und für einen anderen Teil online gegeben werden, sind für die Lehrperson nicht einfach zu organisieren, aber wir dürfen die positiven Aspekte dieser Zeit, die beispielsweise die Vorteile des umgekehrten Unterrichts aufgezeigt hat, nicht vergessen. Die Zukunft wird hybrid sein und aus Präsenz- und Online-Unterricht bestehen, aber das ‹Rezept› dieser Mischung wird je nach Kursinhalt, Anzahl Studierender und Persönlichkeit der Lehrperson variieren.»

Studienplattform im Zusammenhang mit den Auswirkungen von COVID-19 auf die Bildung

Im Anschluss an den Lockdown vom Frühling 2020 und mit dem Wechsel zum Online-Unterricht wurden in der Schweiz zahlreiche Untersuchungen zu den Auswirkungen von COVID-19 auf die Bildung durchgeführt. Anfang November wurde eine Online-Plattform geschaffen, um diese Studien zu katalogisieren, allen zugänglich zu machen und die Koordination und Zusammenarbeit zwischen den Forscherinnen und Forschern zu fördern. Dabei handelt es sich um eine gemeinsame Initiative des Centre LEARN, des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK).

«In dieser aussergewöhnlichen Zeit sind die Studien wie Pilze aus dem Boden geschossen», sagt LEARN-Betriebsleiterin Jessica Dehler Zufferey. «Sie waren so zahlreich, dass nur wenige der Datenerhebungsinstrumente validiert waren, die theoretischen Modelle vernachlässigt und nur wenige Daten ausgetauscht wurden. Deshalb kam mir die Idee zu dieser Plattform, um die Forschung besser zu koordinieren und einen höheren Wert für die Entscheidungsträgerinnen und ‑träger zu schaffen.

Die Plattform zählt bereits über 50 Studien im Zusammenhang mit den Auswirkungen von COVID-19 auf die Bildung in der Schweiz. Am 1. Dezember 2020 nahmen rund 110 Forscherinnen und Forscher an einer vom Centre LEARN, dem SBFI und der EDK gemeinsam organisierten Online-Veranstaltung für die Förderung des Austauschs über die laufenden Arbeiten teil. Die am Schluss durchgeführte Umfrage zeigt im Übrigen, dass die Forscherinnen und Forscher weitere solche Veranstaltungen und die eingerichtete Plattform sehr begrüssen.

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